Kuba-eine Geschichte der Fortbewegung. Vom Pferd zum E-Scooter

Gerade noch galoppiert ein Pferdefuhrwerk über die Straße…..

…,haben wir einen Ochsen gesehen, mit dessen Hilfe das Feld gepflügt und beackert wird – sehen neben modernen Mountainbikes eins der vielen 100.000 Fahrräder, dass das kommunistische China Kuba 1993 in der periodico especial nach Zusammenbruch der UDSSR/Sowjetunion schenkte: Da fährt einer der zahllosen E-Scooter (Spanisch: moto / escuter = Motorroller) vorbei.

Importiert aus Panama, vor allem die Marke „Unico“: Kostenpunkt auf dem kubanischen Markt, 2.000 CUC (=Pesos Convertible; das ist von Fidel wegen Devisenmangels statt des feindlichen US-Dollar eingeführte Ersatzwährung, in der es alle wichtige Dinge des täglichen Lebens gibt) sozusagen die …  1 CUC  = 24 kubanische Pesos CUP = eine kubanische Salsa-Lehrerin verdient 250 CUP pro Monat, ein kubanisches Bier kostet im Supermarkt 1,5 CUC, eine Packung Windeln ca. 9,50 CUC). Gekauft werden die Roller in Panama für ca. 800 US-Dollar, die alte Feindeswährung, die vor der Einführung des CUP 1994 die wichtigste Währung war.


Die Batterie der E-Roller reicht für etwa 60 Kilometer, ideal für den Stadt- bzw. Landverkehr, z.B. für den Neurologen, der mit mir gesprochen hat. Wo und wie lange lädt er seine Roller-Batterie auf? Zuhause mit sagenhaften 110 bzw. wenn´s gut läuft 220 Volt, dauert dann eben mal die ganze Nacht, also ca. 12 Stunden. Das muss man mal jemandem in Deutschland erzählen, wo über fehlende Ladestationen und einheitliche Standards gejammert wird.

Überhaupt, wenn man wie ich aus Jammerlappen-Country Nr. 1, also aus Alemania/Germany kommt, dann bewundert man die Kubaner. Für ihre Herzlichkeit, Freundlichkeit und Geduld. Überall muss man anstehen, egal ob Kubaner oder Tourist: Ok, der Tourist vor allem beim Geldumtausch und für die WiFi-Karten. Internet gibt´s nämlich nur im Hotel oder vor allem auf öffentlichen Plätzen, eine interessante Erfahrung für den ans einsame Zuhause-Surfen gewohnten Europäer.

Und natürlich zischt es an den Plätzen fröhlich bis aggressiv „WiFi, WiFi, Internet, Internet“ – denn die WiFi-Karte, die im Shop 1,5 CUP kostet wird natürlich für 3 CUP an den ungeduldigen Touristen verkauft. Auch das schätzen die vielen jungen Backpacker-Touris an Kuba, dass man zwangsweise offline ist.
Apropos Jammerlappen: In Kuba jammert niemand darüber, dass es erst seit ein paar Jahren neue Autos, Motorroller und Fahrräder gibt. Bis dahin und auch heute gilt noch für alles, was nicht Bierdose oder Einwegwindel ist: Nichts wird weggeworfen, alles aufgehoben und irgendwie repariert.

In Deutschland mag man auf ein paar von Rentnern geführte Reparaturcafés sein, die einige ausrangierte Geräte nach dem von Industrie möglicherweise vorprogrammierten Maschinentod wieder zum Leben erwecken. Ganz Kuba ist ein einziges Reparaturcafé. Hier wird den ganzen Tag repariert, ausgetauscht, fit gemacht – bis es wieder fährt oder läuft.

Liegt natürlich auch daran, dass nicht alle einen Job haben oder wenn einen schlecht bezahlten. Was ebenfalls eine ähnlich hohe Kioskdichte wie im rheinischen Köln zur Folge hat: außer, dass nicht immer alles da ist. Mal diese Biersorte, nämlich Cristal, mal jene, also Bucanero. Überhaupt die Geschäfte: Sehen aus wie in der DDR anno 1987, volle Kassenschlangen, leere Regale. Ein normaler Supermarkt hat ein paar Nudeln, bisschen Wein aus Chile (gern mal pro Flasche 22 bis 30 CUC, paar Toilettenartikel, Bier, Havanna Club und gaaanz wenig Fleisch, vielleicht mal eine Sorte Joghurt). Und eigentlich für den Normalverbraucher unerschwinglich, der von seinen Lebensmittelmarken leben muss.

Trotzdem haben viele junge Leute ein Smartphone, Puma-Schuhe, ein Adidas-T-Shirt. Letztere beide haben eigene (staatliche) Shops und sind sehr hip. Überhaupt sieht die Jugend erschreckend nach 2017 aus, samt Undercut, blondierten Haaren und Messages-T-Shirts. Man  könnte die meisten nach Berlin oder Los Angeles beamen, ohne dass sie da weiter auffallen würden. Damit einher geht eine gewisse Unzufriedenheit mit den betonierten Zuständen.

Seit Raul Castro von seinem legendären Bruder Fidel übernommen hat, hat er zwar private Initiativen erleichtert und damit ebenso wie mit den Besuchen des Papstes, von Obama und den Rolling Stones die Öffnung vorangetrieben und den Tourismus schwer angekurbelt. Aber vielen jungen Kubanern unter 50 geht das nicht weit und schnell genug.

Wie gesagt: Die Kubaner sind geduldig und Meister des Wartens und der Improvisation. Fragt sich nur wie lange noch? Die Hälfte der Touristen antwortet auf die Frage nach dem WARUM des Besuchs. Wer weiß, wie lange Kuba noch so aussieht wie heute? Trump will ein paar von Obama justierte Stellschrauben in Sachen Handel und Tourismus mit den USA wieder deutlich zurückdrehen, scheint aber bis jetzt andere Prioritäten zu haben.

Meine Idee wäre erstmal eine andere: Alte Autos aus Europa statt sie zu verschrotten auf leeren Tankern nach Kuba schicken – aber vielleicht wollen die Kubaner das gar nicht, sondern kaufen noch mehr E-Scooter.

Quelle: Power Vehicles / Autor & Bilder: Georg Hermens

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