Abenteuerlicher Versprecher


Foto: Tom Grüneweg
William Li will die Autobranche aufmischen. Nach einem 1000-PS-Boliden zeigte der Millionär nun das Konzeptauto Nio Eve. Richtig überzeugend wirkt das nicht – für die Entwicklung der E-Mobilität sind Leute wie er trotzdem wichtig.


William Li hat eines der schnellsten Autos der Welt bauen lassen. Doch ausgerechnet der Mann, dessen Wagen EP 9 den Rundenzeitrekord für E-Mobile auf dem Nürburgring hält, behauptet von sich selbst: „Mir ist der Komfort bei einem Auto wichtiger als die Leistung. Eine gute Betreuung durch den Hersteller gibt mir mehr als eine rasante Beschleunigung.“

Dass der chinesische Internet-Millionär Li plötzlich so viel Wert auf Komfort und Service legt, dürfte maßgeblich an dem neusten Projekt seines Start-up-Unternehmens Nio liegen: Eve – so der Name des Konzeptwagens – ist eher eine Lounge als eine Limousine. Das Fahren übernimmt in diesem Wohnzimmer auf Rädern ein Autopilot. Die bis zu sechs Insassen können sich derweil auf einem Ledersofa mit integriertem Schlafsessel lümmeln und dabei durch die riesigen Scheiben und den komplett verglasten Bug einen Ausblick wie aus einem Aquarium genießen.

Als Bühne für die Weltpremiere von Eve hat sich Li nicht etwa den Genfer Autosalon ausgesucht, sondern die Tech-Konferenz South by Southwest in Austin, Texas. Das soll einerseits ein Statement sein: „Entspanntes Autofahren wird für unsere Kunden so selbstverständlich wie das mobile Internet“, sagt Li. Sein Start-up Nio bezeichnet er deshalb als erste Marke der „Automobilindustrie 3.0“ – weil über die digitale Frontscheibe von Eve zum Beispiel dank transparenter OLED-Displays Filme oder Internetinhalte flimmern und Nomi, das digitale Herz und Hirn der Studie, die Insassen so gut kennt, dass es alle Wünsche zu Unterhaltung, Komfort und Fahrziel bereits erfüllt, bevor sie ausgesprochen werden. „So kann man seine Zeit wieder genießen, ohne sich Gedanken über Mobilität machen zu müssen“, sagt Li.

Firmen wie Tesla seien für ihn allenfalls „2.0“. Daimler & Co sortiert er derweil unter „1.0“ ein. Also unter rückständig.

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Eve, kennen wir uns?

Dass Eve in Austin gezeigt wird und nicht in Genf, kann andererseits aber auch einen weiteren Grund haben: Zum Beispiel, dass Li vor dem direkten Vergleich mit dem VW-Konzeptauto Sedric gekniffen hat. Irgendwie kommt einem diese schöne neue Welt des Autonomen Fahrens nämlich bekannt vor. Und hat nicht das vermeintliche „1.0“-Unternehmen Daimler schon vor zwei Jahren mit dem F 015 ebenfalls eine Studie gezeigt, bei der das Fahren nur noch Nebensache ist und vor allem Komfort und Digitalisierung zählen?

Wie Sedric und der F 015 ist Eve momentan nicht mehr als ein Versprechen für die Zukunft. Im Grunde genommen hat Li sogar einen Rückschritt gemacht: Sein vor einigen Monaten vorgestellter E-Supersportwagen EP 9 ist immerhin schon in Kleinstserie gebaut. Eve ist dagegen nur eine Studie, die laut Li einen Ausblick auf das Jahr 2020 geben soll.


Foto: Tom Grüneweg

Bei Nio hat er nun also ein halbes Dutzend Exemplare eines teuren Sportwagens sowie ein Konzeptauto im Angebot – aber noch immer kein massentaugliches Modell im hier und jetzt. Klingt eher nach 0.0 als 3.0.

Es gibt eine ganze Reihe chinesischer Millionäre und Milliardäre, die im Automobilbereich derzeit Goldgräberstimmung verbreiten: Durch den Zukunftsglauben an Elektroautos und Robotertaxis sowie den gleichzeitigen Bedeutungsverlust von Verbrennermotoren ergeben sich Chancen in der Branche – die prognostizierten Umbrüche wollen einige Investoren dazu nutzen, neue Marken zu etablieren.

William Li ist einer von ihnen. Trotz seiner dicken Sprüche sollte man den Mann aber nicht unterschätzen: Eine Milliarde Dollar Kapital soll er schon für den Aufbau der Marke eingesammelt haben. Sein Unternehmen Nio hat er zwar erst vor drei Jahren gegründet, aber die Firma hat bereits 2000 Mitarbeiter. Während der Hauptsitz und die Hardware-Entwicklung ist China angesiedelt sind, befindet sich das Designbüro in München und die Softwarezentrale im Silicon Valley. Mitte April will er außerdem den Beweis eines Volumenmodells erbringen. Das Elektroauto soll auf der Automesse in Shanghai vorgestellt werden und ab 2018 in China erhältlich sein.

Sein größtes Abenteuer

Der 42-jährige Li kann sogar ganz bescheiden auftreten. Mehr als 40 Firmen hat er bereits gegründet, doch den Einstieg ins Autogeschäft bezeichnet er als sein „größtes Abenteuer“. Und für die Märkte in China und den USA plant er zwar mit fünf- bis sechsstelligen Stückzahlen – doch in seinem Umfeld gibt man offen zu, sich noch nicht nach Europa zu trauen. Dazu wolle man bei Nio erst den Markt richtig verstehen, danach das richtige Modell entwickeln und dann mit der passenden Qualität starten. Vor 2025 werde das wohl nicht passieren.

Im Vordergrund stehen für das junge Unternehmen jetzt erst einmal andere Herausforderungen: Neben der Entwicklung der Fahrzeuge ist das vor allem der Aufbau einer eigenen Vertriebsstruktur. Nur den teuersten und komplexesten Teil der Wertschöpfungskette will Nio laut Angaben von Managing Director Hui Zhang auslagern: Die Fertigung soll demnach der chinesische Großkonzern JAC übernehmen.

Ob Nio mit dieser Strategie Erfolg hat, wird maßgeblich von der Qualität der Produkte abhängen. Mit dem Rundenrekord des EP 9 auf dem Nürburgring und einer erfolgreich absolvierten Testfahrt mit einem autonom fahrenden EP 9 hat die Marke zwar schon mehr vorzuweisen als andere Newcomer wie zum Beispiel Faraday Future – doch als handfester Beweis für die Serientauglichkeit können weder das 1000-PS-Elektroauto noch die Studie Eve herhalten. Gerade deshalb wird die angebliche Präsentation des Volumenmodells auf der Messe in Shanghai spannend.

Es gibt bereits einen Gewinner

Selbst wenn daraus ein Flop wird, schätzt der Marktanalyst Tom Sieber von der Agentur Berylls die Bedeutung von Unternehmen wie Nio positiv ein: „Die Elektromobilität wäre heute nicht so weit entwickelt, wenn Tesla und andere Disruptoren den etablierten Herstellern nicht gewaltig auf die Füße getreten hätten.“

Während William Li seinen Kunden mit dem Eve also vor allem Komfortzone bieten möchte, macht er die Welt für seine Konkurrenten ein bisschen unkomfortabler.

Quelle: spiegelonline

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